Gastbeiträge

Administrator (jjsa) on 19.2.2019

Jean-Jacques Sarton, 19.02.1019

Erwartungen

Jean-Jacques Sarton, 19.02.1019

Die Beziehung zur Medizin scheint mir oftmals nicht ganz frei von Vorurteilen zu sein. Von Ärzten wird sehr viel erwartet, sie sollen einerseits „Halbgötter in weiß“ sein und gleichzeitig sollen sie es auch doch nicht sein.

Von Ärzten wird erwartet, dass sie alles über jegliche Krankheit wissen. Unglücklicherweise gibt es aber schätzungsweise um die 40000 Erkrankungen, manche treten oft auf und sind gut erforscht, andere sind selten oder gar extrem selten. Viele sind noch nicht einmal beschrieben.

Viele Erkrankungen führen zu Symptomen die einander in ihrer Erscheinungsform sehr ähnlich sind. Fieber deutet beispielsweise auf eine Infektion hin , die sowohl eine bakterielle oder virale Ursache besitzen kann. Fieber kann aber auch auf ganz andere Probleme zurückzuführen sein.

Der Arzt wird nach weiteren Symptomen Ausschau halten müssen, um die Erkrankung weiter einzugrenzen. Manchmal können bei einem Syndrom (Ansammlung von Symptomen) viele mögliche Erkrankungen als Ursache vorhanden sein. Der Arzt muss andere Erkrankungen ausschließen, oftmals bedarf es auch ein wenig Glück damit der Grund gefunden wird, dies kann aber nicht immer erfolgen.

Der menschliche Körper ist so komplex, dass (damit alle Bereiche erfasst werden können) Spezialisierung notwendig ist. Der Hausarzt behandelt die übliche „Wehwehchen“ , wenn es zu speziell ist, müssen Fachärzte bemüht werden. Die Fachärzte haben oft zusätzlich eine Spezialisierung innerhalb des eigenes Fachgebietes. Ein Rheumatologe kann beispielsweise eine internistische oder einer orthopädische Spezialisierung aufweisen. In der Neurologie sind auch viele Spezialisierungen vorhanden.

Damit kann nicht gewährleistet werden, dass jeder Facharzt innerhalb eines bestimmten Bereiches immer der richtige Ansprechpartner ist . Symptome können beispielsweise auf ein orthopädisches Problem hin deuten, jedoch eigentlich neurologischer Natur sein. Ärzte können nicht alles wissen, nicht in allen Gebieten gleich gut informiert sein. Dies zu erwarten würde eine Überforderung für den jeweilige Arzt darstellen. Wenn der Patient von einer seltenen Erkrankung betroffen ist besteht die Möglichkeit, dass der Arzt bestenfalls noch den Namen der Erkrankung kennt.
Ärzte sind gewöhnliche Menschen, Menschen mit Tugenden und Lastern, mit positiven und negativen Qualitäten. Ärzte sind genauso wie ihre Patienten von Ängsten betroffen, manchmal sind sie zuversichtlich, manchmal auch ohnmächtig und ohne Hoffnung. Sie sind Menschen wie wir alle, keine Übermenschen, die immer alles wissen, können und aushalten.

Jemand, der von einer belastenden Erkrankung betroffen ist, möchte wissen was los ist, er hat oftmals große Lebensängste. Er fühlt sein Leben in vielerlei Hinsicht bedroht. Er verspricht sich Heilung oder zumindest Linderung in einer schwierigen Situation.

Dies führt mitunter zu extrem hohen Erwartungen an die Ärzte, die immer „Lebensretter“ sein sollten. Eine fehlende Diagnose kann oftmals schlecht akzeptiert werden, ebenso eine Diagnose die zweifelhaft erscheint , weil es zu einer Abweichung der klassischen Symptomatik kommt. Diese Ungewissheit bereitet oft große Angst

Gerade schwerwiegende , mitunter lebensbedrohliche Diagnosen (z.B. Krebs) werden von Seiten des Patienten zunächst oftmals angezweifelt, da die sich hieraus ergebenden Konsequenzen nicht ertragen werden können. Wie wird das Leben weiter gehen? Wie kann der Tod ins Leben integriert werden? Kann eine ausreichende Lebensqualität erhalten bleiben? All dies sind Fragen, welche die Betroffenen stark belasten.

Die Konsequenz ist, dass einige sich falsche Hoffnungen machen, in dem alternativen Wege gegangen werden, Wege die unter Umstände mehr Gefahr bedeuten. Andere Verhaltensweisen sind auch denkbar. Beispielsweise der zuvor erwähnte Glaube an die Unfehlbarkeit der Ärzte und die Medizin, dies gepaart mit einem Ressentiment den Ärzten gegenüber die scheinbar „versagt“ haben. All diese Haltungen sind für Ärzte oftmals nur sehr schwer nachvollziehbar, weil ihnen die eigene Erfahrung fehlt, was es bedeutet schwer krank zu sein.

Oft versagt die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Die Beziehung Arzt Patient ist besonders schwierig. Drei Haupt-Komponenten sind immer vorhanden, die fachliche, die interpersonelle und die zeitliche. Alle Komponente sind verzahnt, unbewusst interagieren sie und nehmen Einfluss auf den Verlauf einer Konsultation.

Wird ein Arzt zum ersten Mal besucht ist der gegenseitiger Eindruck wichtig. Der Arzt kann aus Sicht des Patienten unbewusst als Freund oder als Feind empfunden werden, in der entgegengesetzten Richtung ist es nicht anders. Sympathie oder Antipathie haben viele Ursachen und können selten gesteuert werden, da sie meist unbewusst oder nur am Rande wahrgenommen werden. Der ersten Eindruck ist entscheidend und bleibt zumeist erhalten. Viele kleine Faktoren beeinflussen das was wahrgenommenen wird .

Das Stehen in Stau, Stress, eine vorherige Auseinandersetzung mit dem Partner oder einem Freund, zu große Erwartungen oder die Angst, dass diesen nicht entsprochen werden kann. Mimik und Gestik des Gegenüber u.v.m….. Der Faktor Zeit ist auch ein wichtiger Punkt. Hier gibt es natürlich stark divergierenden Ansichten. Der Patient wünscht sich oft eine unendliche lange Sprechzeit, in der er alle Sorgen und Nöte loswerden kann. Der Arzt hat aufgrund der vorgegebenen Rahmenbedingungen wenig Zeit zur Verfügung und muss dieses kostbare Gut allen Patienten zur Verfügung stellen.

Am Anfang meiner „Karriere“ als Patientenvertreter hatte ich oftmals den Eindruck, dass ein guter Patient ein „mundtoter“ Patient ist, ich war einfach zu geschwätzig. Heute ist mir bewusst : „ Weniger ist oftmals mehr und die richtige Informationen zum richtigen Zeitpunkt sowie eine zielgerichtete Vorgehensweise erleichtern den Dialog. Positive Ergebnisse stellen sich eher ein“

Wenn eine Erkrankung, die schwer zu diagnostizieren ist, vorliegt kann der Erkrankte jedoch selten so besonnen, wie es evtl. angebracht wäre, handeln. Der Druck ist immens hoch, die Erwartungen steigen, genau so wie die Enttäuschungen. Hier dürfte dem Geschick des Arztes besonders viel abverlangt werden.

Hilfe suchen Menschen, die von einer chronische Erkrankung betroffen sind, oftmals in einer Selbsthilfegruppe oder innerhalb der sozialen Medien, in einer Gruppe von Gleichgesinnten. In solchen Gruppen kann endlich länger über die eigenen Probleme diskutiert werden. Die gemeinsame Erfahrungen und Probleme verbinden untereinander und führen des öfteren zu regen Unterhaltungen.

Die unterschiedlichen Ansichten, die verfolgten Wege können jedoch auch innerhalb einer solchen Gruppe zu Spannungen führen, wenn keine ausreichende Übereinstimmung vorhanden ist. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen, seine eigenen Enttäuschungen, sieht die eigene Meinung in diesen bestätigt. Die so gebildeten Sichtweisen müssen nicht zwangsläufig mit denen, der anderen Teilnehmer übereinstimmen und bei einer mangelnden Bereitschaft auf den anderen zu zugehen, kommt es auch hier zur Konflikten .

Manche Teilnehmer reagieren sehr emotional, überprüfen nicht was gesagt wird, und äußern sich auf dem Hintergrund ihrer eigenen Ängste, in einer Art und Weise die den anderen verletzen können. Besonnenheit und die Bereitschaft unterschiedliche Lebenswege und Meinungen zu akzeptieren, sollte von allen angestrebt werden. Doch auch hier dürfte ähnliches wie bei der Kommunikation im Arzt-Patienten- Verhältnis stattfinden. Signale werden unterschiedlich wahrgenommen, das Gelingen der Kommunikation hängt von vielen Faktoren ab.

Ich bin in einer Selbsthilfegruppe tätig, hier wird über Medikamente, das Leben mit der Erkrankung, die Qualität von Kliniken und Ärzten gesprochen. Oftmals variieren die Meinungen über eine bestimmte einzelne Klinik oder einen Facharzt von sehr schlecht bis exzellent. Wo liegt die Wahrheit?

Zu hohe Erwartungen gepaart mit einem langen Leidensweg haben oftmals traumatisierende Auswirkungen auf die Betroffenen. Entsprechend ist die eigene Wahrnehmung verändert und von großen Ängsten geprägt. Das Gegenüber kann als Bedrohung oder als „uninteressiert“ schon von der ersten Begegnung an empfunden werden.

Hier ist eine gute und sich gegenseitig wertschätzende Kommunikation besonders gefährdet. Es ist besser sich gegenseitig mit Neugierde zu begegnen und sich auf Augenhöhe miteinander zu stellen. Wird dies von beiden Seiten angestrebt, kann vieles erreicht werden.

Ich habe durch meine eigene Betroffenheit viele Ärzte und Therapeuten kennen gelernt, und hatte weiterhin im Rahmen meiner Tätigkeit in der Selbsthilfe die Gelegenheit viele Interaktionen zwischen den Betroffenen, Ärzten und Therapeuten miterleben zu dürfen. Dabei musste ich feststellen, dass die fachliche Kompetenz oft weniger wichtig, als die menschliche ist.

Wenn möglich sollte man immer versuchen, auf der menschlichen Ebene einen guten Zugang zum Gegenüber aufzubauen. Dieses Verhalten trägt meisten Früchte, die Atmosphäre ist entspannter, der Austausch konstruktiver und die Behandlung effektiver. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Frau als Patientin besser beachtet wird. Gelingt es nicht gute Beziehungen aufzubauen, liegt es zum Teil auch bei mir. Ich lasse mich überraschen, meine Erwartungen sind nicht überhöht (eher sehr gering) und sehr oft wird diese Offenheit belohnt.

Jean-Jacques Sarton

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